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Temporäres Wohnen: Ein Nischensegment erobert den Wohnungsmarkt

Temporäres Wohnen: Ein Nischensegment erobert den Wohnungsmarkt

Frankfurt, München, Hamburg, Berlin – ein neuer Hype hat binnen kürzester Zeit die deutschen Großstädte und ihre Wohnungsmärkte infiziert und der heißt temporäres Wohnen. Dieses neuartige Wohnkonzept richtet sich an Mieter, die nur für einen begrenzten Zeitraum ein nettes Dach über dem Kopf benötigen. Eine solche Wohnung auf Zeit wird meistens aus beruflichen Gründen erforderlich, wenn man bspw. vom Chef für ein mehrmonatiges Projekt in eine andere Stadt geschickt wird oder als Freelancer kurzfristig umdisponieren muss. Um den Einzug so stressfrei wie möglich zu gestalten, sind temporäre Apartments komplett möbliert. Der Mieter bringt nur noch seine persönlichen Sachen mit.

Um der steigenden Nachfrage nach temporären Wohnlösungen ein ausreichendes Angebot gegenüber zu stellen, werden nicht nur vereinzelt Wohnungen aus einem Mietshaus für temporäres Wohnen herangezogen. Gleich ganze Apartmentanlagen werden ausschließlich für derlei Mietverhältnisse genutzt.

Aber vor allem der Neubau boomt, in Berlin wie in anderen deutschen Metropolen auch. Schaut man sich in der Hauptstadt in Hauptbahnhofnähe oder an anderen Knotenpunkten um, überall das gleiche Bild: Baustellen in mehr oder weniger fortgeschrittenem Zustand mit dem Hinweis “Zuhause auf Zeit: Hier entstehen in Kürze top möblierte Apartments für temporäres Wohnen. Jetzt mieten!”

Alternative Wohnkonzepte als Reaktion auf veränderte Arbeitswelt

Doch warum steigt die Nachfrage nach neuartigen Zwischenmietlösungen gerade jetzt so extrem an? Die Antwort liegt in der Art, wie wir jetzt schon arbeiten und leben und wie es in Zukunft wahrscheinlich immer mehr Menschen tun werden: mobil und der ständigen Veränderung unterworfen. Wohnungsunternehmen reagieren mit dem Konzept temporäres Wohnen genauso wie private Investoren und Stadtplaner also auf eine Entwicklung, die in den vergangenen Jahren immer rasanter an Fahrt aufgenommen hat – den mobilen Arbeitnehmer:

In Zeiten hauptsächlich befristeter Arbeitsverträge bleiben nur noch wenige Berufstätige, vor allem wenige Berufseinsteiger, lange im gleichen Job. Und häufige Jobwechsel führen eben auch zu häufigeren Ortswechseln. Heute Berlin, in einem halben Jahr dann Hamburg mit Aussicht auf ein paar Monate im Ausland.

Kubusförmiges Apartmenthochhaus mit Balkonen und GlasgeländernZusätzlich angefacht wird diese Tendenz zur verstärkten berufsbedingten Mobilität von einer wachsenden Anzahl digitaler Nomaden. Das sind in erster Linie Freelancer und Selbstständige, die auf Projektbasis arbeiten und dabei ortsunabhängig sind, also oft ihren Wohnort wechseln. Arbeitsverhältnisse von mehreren Monaten oder maximal ein, zwei Jahren Dauer werden also immer mehr die Regel. Und für genau diese Zielgruppe braucht es vermehrt flexiblen Wohnraum, der zeitlich begrenzt bewohnt wird. Dass es sich bei solchen Apartments gleich um eine möblierte Wohnung handelt und kaum Umzugsauswand fällig wird, gehört beim temporären Wohnen zum Service dazu. Denn kaum jemand aus der Generation Arbeiten 4.0 ist willens, mit jedem Jobwechsel auch noch einen ganzen Umzug hinzulegen. Im Vordergrund steht stattdessen schnelles, unkompliziertes Einziehen.

 

Der Wunsch nach mehr Komfort und Funktionalität beim temporären Wohnen ist auch der Grund, weshalb eine weitere Spielart des zeitlich begrenzen Wohnens, sogenannte Serviced Apartments, mittlerweile so gefragt ist. Die Häuser sind nicht nur äußerst geschmackvoll möbliert und hochfunktional eingerichtet, sondern bieten auch Services an, die den Mietern den Alltag erleichtern und mehr Freiräume schaffen.

Leben in der Hauptstadt: Wohnraum-Problematik in zweierlei Hinsicht

Auf der einen Seite muss also mehr, zum großen Teil auch flexibler Wohnraum in der Hauptstadt her, zumal Berlin durch steten Zuzug stramm auf die 4-Millionen-Marke bei der Einwohnerzahl zugeht. Auf der anderen Seite hagelt es genau für solche Konzepte des befristeten, möblierten Wohnens heftige Kritik, insbesondere von Ferienwohnungsvermietern. Die stören sich unter dem Stichwort Zweckentfremdungsverbot vor allem am Berliner Marktführer für möbliertes Wohnen, der Berlinovo. 6.500 Kleinstwohnungen im Wohnheimstil hat der im Angebot.

Hauswand mit drei langen Reihen von Briefkästen, aus denen zum Teil Prospekte hervorschauen

Die 1-Zimmer-Apartments des landeseigenen Unternehmens dienen fast ausschließlich dem Zweck der temporären Vermietung: Zieht ein Mieter nach ein paar Monaten wieder aus, da er nur auf Zeit in Berlin eine Wohnung brauchte, kommt gleich der nächste Kurzzeitgast, z.B. ein Handwerker auf Montage oder ein Gastdozent. Ein Preisschlager sind solche volleingerichteten Apartments nicht: 30 qm kosten in der Kreuzberger Immobilie des Unternehmens 650 Euro.

Berliner Senat: Temporäre Ferienwohnungen verschärfen Wohnungsnot

Anbieter von privaten Ferienwohnungen in Berlin kritisieren nun, dass solche Apartmenthäuser für temporäres Wohnen, auch Boardinghouses genannt, vom Senat anders behandelt werden würden als ihre zahlreichen Ferienwohnungen für Berlin-Touristen. Seit Inkrafttreten des Zweckentfremdungsverbots im Mai 2014 ist es in Berlin untersagt Wohnraum in Ferienwohnungen umzuwandeln – für Ferienwohnungsanbieter eine mitunter existenzbedrohende Verordnung. Deren Ziel ist es, viele der rund 12.000 Touristenapartments der Stadt wieder dem regulären Mietwohnungsmarkt zuzuführen. Dadurch soll die Wohnungsnot in Berlin entschärft werden.

Temporär vermietete, möblierte Wohnungen wie die der Berlinovo hingegen sind von der Zweckentfremdungsverbotsverordnung nicht betroffen – für die Vermieter von privaten Touristenlofts zweierlei Maß. Wenn schon Zweckentfremdungsverbot, dann für alle. Dann sollen auch die 6.500 Wohnungen in den Berlinovo Immobilien günstig und ohne Mobiliar an Berliner auf Wohnungssuche vermietet werden.

Allerdings haben die privaten Vermieter bereits einen Teilerfolg vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg erstritten: Das Gesetz zur Zweckentfremdung wurde für teilweise verfassungswidrig erklärt.

Praktikable Lösungen noch nicht in Sicht

In einer komplexen Gemengelage aus neuen Arbeitskonzepten, die neue Wohnkonzepte erforderlich machen, und einem großstädtischen Wohnungsmarkt, der händeringend bezahlbaren Wohnraum für Ortsansässige braucht, fehlt es bisher an schnell umsetzbaren Lösungen aus der Politik zur Entspannung des Berliner Wohnungsmarktes für alle Beteiligten.

Mietpreisbremse und Zweckentfremdungsverbot haben ihr Ziel bisher jedenfalls verfehlt. Von den 12.000 möblierten Apartments für temporäres Wohnen sind bisher nur etwa 2.600 wieder auf dem normalen Mietmarkt verfügbar und die Mieten steigen trotz Mietpreisbremse Jahr für Jahr weiter explosionsartig an.