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Mobiles Arbeiten: Das Ende der Präsenzkultur

Mobiles Arbeiten: Das Ende der Präsenzkultur

Ein zentrales Element der digitalen Gesellschaft ist der mobile Arbeitnehmer. Die klassische Anwesenheitskultur als gängiges Arbeitsmodell hat ausgesorgt, zumindest in bestimmten Branchen (Digitalbranche) oder Tätigkeitsfeldern (klassische PC-Arbeit im Büro). Örtlich gebundenes Arbeiten an einem einzigen, stationären Arbeitsplatz zu festen Zeiten – diese Form des Arbeitens wird immer mehr durch flexible Arbeitsmodelle ersetzt, die sich in ihren vielen unterschiedlichen Varianten unter dem Konzept mobiles Arbeiten zusammenfassen lassen. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner: von einem (mobilen) Endgerät seiner Wahl aus arbeitet man räumlich und zeitlich flexibel.

Ausprägungen davon hast du vielleicht schon bei dir selbst beobachtet, z.B. wenn du ausnahmsweise mal Homeoffice von deiner Wohnung aus machst, um da zu sein, wenn der Handwerker kommt. Homeoffice heißt in den meisten Fällen aber immer noch, in den eigenen vier Wänden zur gleichen Zeit wie die Kollegen im Büro online zu sein. Dieses Konzept wird dank zunehmend freier Arbeitsplatzwahl aber immer mehr zum Auslaufmodell. Mobiles Arbeiten greift viel weiter, d.h. der Job bzw. einzelne Aufgaben können jederzeit und von überall aus erledigt werden. Zum Beispiel vom Café, Hotel oder Serviced Apartment aus, unterwegs aus dem Flieger oder der Bahn, im Park oder am Strand von Maui.

Auch statistisch gesehen wird mobiles Arbeiten immer beliebter: Im Frühjahr 2016 zeigte eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP), dass von 674 befragten Arbeitnehmern 54% “vorwiegend oder sogar ausschließlich mobil an wechselnden Arbeitsplätzen tätig sind”. Die “Präsenzler”, die „ausschließlich oder vornehmlich an einem einzigen, stationären Arbeitsplatz“ arbeiten, waren mit 46% in der Minderheit.

Welche Vorteile hat ortsunabhängiges Arbeiten?

Je nach persönlicher Lebenssituation sehen Angestellte wie Freelancer immense Vorteile in der Loslösung von einem stationären Arbeitsplatz:

  • freie ZeiteinteilungMann sitzt mit Smartphome und Fachbuch an Cafétisch
  • bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf
  • bessere Vereinbarkeit von Familie und Freizeit
  • Anfahrtszeiten entfallen
  • effektivere Nutzung der Arbeitszeit / Leistungssteigerung

Und es ist ja kein Geheimnis: Je positiver ein Arbeitnehmer oder Freelancer seine Arbeitssituation und -qualität beurteilt, desto bessere Arbeit leistet er und desto produktiver ist er – ein Mehrwert, der jeden Kunden und Arbeitgeber glücklich macht.

Mobiles Arbeiten bringt besondere Anforderungen mit sich

Wer sein mobiles Büro dort aufschlägt, wo es ihm beliebt, gewinnt dadurch zwar einen gewissen Freiraum. Gleichzeitig beanspruchen Freiheit und Unabhängigkeit im Job aber verstärkt Kompetenzen aus dem Bereich der viel gerühmten Soft Skills: Kommunikationsfähigkeit, Selbstständigkeit, Zuverlässigkeit, Selbst- und Zeitmanagement, Flexibilität und Konfliktmanagement. Ohne Chef als Backup und Kollegen im Nebenzimmer fallen diesen Schlüsselkompetenzen mehr Gewicht zu.

Es macht auch einen gewaltigen Unterschied, ob man als Freelancer ein mobiles Büro betreibt oder als angestellter Arbeitnehmer. Als Selbstständiger oder freier Mitarbeiter ist die Abnabelung leichter. Detailreiche Absprachen und gesetzliche Regelungen zu Arbeitszeiten, Arbeitsschutz, Gesundheits- und Unfallschutz, die Angestellte mit dem Chef, der HR-Abteilung oder dem Betriebsrat klären müssen, können Freelancer viel freier gestalten. Auch das Thema Datenschutz ist für mobile Workers in Unternehmen und Betrieben bis ins Kleinste geregelt und kann ein Hemmnis sein beim Übergang zur mobilen Arbeit.

Kann die Entgrenzung der Arbeit auch negative Auswirkungen haben?

Schreibtisch mir Laptop und Arbeitsutensilien in privater WohnungWer von zu Hause aus arbeitet oder spätabends im Lokal noch geschäftliche Mails beantwortet, wird vielleicht schnell merken: Die Grenze zwischen Freizeit und Arbeitszeit verschwimmt als mobiler Arbeiter. Der private Schutzraum ist nicht mehr nur privat, er wird zum Arbeitsplatz. Abschalten vom Job kann da schwierig werden. Die Arbeitsgeräte immer verfügbar, tappt man schnell in Verhaltensmuster à la “Ich mach das eben noch schnell fertig, während die Nudeln kochen.“ Mobile Workers und Homeoffice-Nutzer machen dementsprechend auch mehr (freiwillige) Überstunden als stationäre Arbeiter.

Nicht nur, aber vor allem von Arbeitnehmern in Angestelltenverhältnissen wird auch folgender Stressfaktor auf der Mängelliste laut: Durch die mobilen Endgeräte als Arbeitsmittel, insbesondere wenn es dienstlich veranlasste Geräte sind, entsteht bei ihnen der Eindruck, sie müssten rund um die Uhr für dienstliche Anliegen erreichbar sein. Ausschlaggebend ist aber, was im Arbeitsvertrag oder in der Betriebsvereinbarung steht; darüber hinaus muss ein Mitarbeiter nicht mehr für seinen Vorgesetzten erreichbar sein.

Wer seinen Arbeitsort nach Belieben wechselt, kann oder will zudem nicht immer sicherstellen, dass ergonomische und arbeitsschutzrelevante Standards eingehalten werden. Arbeiten auf kleinen Tablet-Bildschirmen, unzureichende Beleuchtung des Arbeitsplatzes, Ablenkung und Beeinträchtigungen durch Lärmquellen – das sind zugegeben keine Themen, mit denen man sich als Arbeitnehmer gerne beschäftigt oder an die man überhaupt denkt. Defizite in diesen Bereichen können aber langfristige Folgen haben.

Durch die freie Zeiteinteilung kann es außerdem zu verkürzten Ruhezeiten zwischen einzelnen “Arbeitseinsätzen” kommen, die Arbeitsintensität nimmt zu. Gesundheitliche Beeinträchtigungen sind nicht ausgeschlossen. Angestellte sind hier durch entsprechende Gesetze geschützt, Freelancer hingegen müssen selbst für ihre körperliche und psychische Gesundheit sorgen.

Die Entscheidung für ein mobiles Büro fällt individuell

Aufgrund der möglichen Nachteile mobiler Arbeit entscheiden sich einige Menschen bewusst gegen ein mobiles Büro: Sie wollen eine strikte Trennung zwischen Familie und Job/Freizeit beibehalten. Oder sie fürchten, dass das Verhältnis zu den Kollegen leidet und die Zusammenarbeit durch die körperliche Abwesenheit erschwert wird.
Die Sorge, dass die erbrachte Leistung wegen fehlender körperlicher Präsenz von Arbeitgeber und Kollegen schlechter wahrgenommen werden könnte, hindert ebenfalls etliche Arbeitnehmer daran mobil zu arbeiten. Um ihre Abwesenheit zu kompensieren, rechnen sie damit, mehr leisten zu müssen – vor allem in Form von Überstunden.

Andere hingegen brauchen einfach den Rahmen des Büros, um effektiv arbeiten zu können. In einer selbstgewählten Umgebung lassen sie sich zu leicht ablenken.
Mobiles Arbeiten ist demnach ein wichtiges Instrument zur individuellen Lebens- und Arbeitsplanung. Die Digitalisierung hat solch alternative Arbeitsformen unabdingbar gemacht. Sie tragen zusammen mit alternativen Wohnformen der Flexibilität Rechnung, die heutzutage in den meisten Jobs verlangt wird. Wichtigste Voraussetzung für die weitere Verbreitung mobiler Büros ist der Abbau personenbezogener Faktoren, die die Arbeitnehmer – zum Teil ungewollt – an die Präsenzkultur binden.